Interner Kalender

Redaktion: Hans-Georg Vorndran

BlickPunkt.e Nr. 1 / Februar 2017

 

Martin Stöhr
Grund der Hoffnung, die in uns ist

Sehr verehrter Herr Präses, sehr verehrter Herr Kirchenpräsident, verehrte Geschwister! Hoffentlich begehen Geber und Empfänger der Martin-Niemöller-Medaille keinen Verfassungsbruch. Ich meine mich zu erinnern, dass diese ehrenvolle Auszeichnung nur an Ehrenamtliche in der Kirche verliehen werden sollte? Sie verdienen es mehr denn je. Doch als Kirchenprofi trägt man ja die Verfassung nicht immer unterm Arm, um zu prüfen, ob rechtens ist, was geschieht.

Aber es geschieht. Und ich freue mich sehr. Ich danke unserer Kirchenleitung und Herrn Kirchenpräsidenten Dr. Jung, mir diese Medaille mit dem Namen eines unangepassten Christen zu verleihen.

Dieser Dank schließt auch ein meine große Dankbarkeit für die Arbeitsstellen, die ich in der EKHN haben konnte. Nach 1945 ehrenamtliche Jugend- und Behindertenarbeit in der Anstalt Scheuern; nach dem Studium ein Schulpraktikum in Rheinhessen, Vikariat in Rüsselsheim, Spezialvikariat in Ostberlin, das Martin Niemöller und Kurt Scharf für Vikare aus Brandenburg und aus der EKHN ausgehandelt hatten. Im Kalten Krieg stoppte Pankow leider den Austausch. Weiter die erste Gemeinde zwischen Horst Symanowski und Dyckerhoff-Zement in Amöneburg, es folgen Ev. Studentengemeinde an der TH Darmstadt, bevor ich an die Ev. Akademie berufen wurde, die es damals noch in Arnoldshain gab. Meine letzten 12 Berufsjahre unterrichtete ich, berurlaubt von der EKHN, an der Universität Siegen Studierende fürs Lehramt „Evangelische Religion“.

Auf allen Arbeitsplätzen forderten die Nichttheologen, die sog. Laien, oft ehrenamtlich engagiert, mich theologisch stärker heraus als theologische Profis, Rechenschaft zu geben über den Grund der Hoffnung, die in uns ist (1 Petr 3,15).

Ich rufe aber heute drei Menschen auf, keine Eingeborenen, weder in Hessen noch in Nassau, sondern Zugewanderte und Verjagte, Geflüchtete oder Verhaftete. Nach dem Studium in Mainz, Bonn und Basel gaben sie mir neben Helmut Gollwitzer und Hans-Joachim Iwand wichtige Stichworte mit:

Martin Buber oder die Aufgabe zu neuen jüdisch-christlichen Begegnungen: Buber, in sich ein ebenso multikultureller wie interdisziplinärer Wissenschaftler, aufgewachsen in Lemberg, Abitur an einem polnischen Gymnasium, 1938 aus Heppenheim nach Jerusalem verjagt - ihn hörte ich als Bonner Student. Erinnerte er an die Jahre 1933 bis 45, dann sprach er von „Gottesfinsternis“. Gott habe sein Angesicht verborgen, als Menschen Gottes Ebenbilder schlugen und vernichteten. Dazu sind Menschen fähig. Nach der Rede bedankte sich der Dekan unserer Fakultät überschwänglich. Er hatte Buber mit einem Satz aus dem Neuen Testament begrüßt. Darauf hob Buber das auf dem Pult noch liegende Neue Testament hoch und fragte spitzbübisch „Herr Kollege, was machen Sie, eigentlich, wenn Sie mit diesem dünnen Buch fertig sind?“ Erschrocken über sich selbst und das missverständliche Wort dünn“, fügte er sofort hinzu „Ich lese täglich in diesem Buch von meinem großen Bruder Jesus.“ Buber wollte zeigen, dass wir nie mit diesem Buch fertig sind, dass trotz des hohen Alters der Kirchen dort noch immer Neues zu entdecken sei. Weiter wies Buber darauf hin, dass der größte Teil der christlichen Bibel aus dem Alten Testament besteht, dass das Neue Testament also nur vom Alten her zu verstehen ist. Diese jüdische Heilige Schrift legte und lebte Jesus aus; es war seine, wie für die Autoren des Neuen Testamentes die ihre. Außerdem gehörte für Buber zur Pflicht beim Bibellesen, das Wort der Heiligen Schrift „in die Gegenwart zu ziehen“. Denn, so hatte er gesagt, „Wir dürfen das nicht als Illusion bezeichnen, woran wir unsere Kraft noch nicht probiert haben.“ Es geht also um die gelebte, persönliche und soziale Verwirklichung dessen, was wir glauben und hoffen.

Martin Niemöller oder der Mut,Freiheit und Recht der Kirche in der Nazizeit gegen staatliche Gewalt zu vertreten, und nachder BefreiungFrieden und Recht in der Völkerwelt. Niemöller war es als deutsch-national erzogenem U-Boot-Kapitän und Pfarrer keineswegs an der Wiege gesungen, sich ausgerechnet für jene ChristInnen einzusetzen, die aus jüdischen Familien stammen. Sie werden ab 1933 wie die jüdischen Glaubensgeschwister ausgegrenzt und verfolgt. Als eifriger Hausbesucher in seiner Gemeinde kannte er viele von ihnen. Rassistische Gewalt bedrohte sie. Nachbarn und Behörden machten plötzlich Angst. Als er die Predigt zum 450. Geburtstag Luthers Reformationsfest 1933 über den Bergpredigttext „Ihr seid das Salz und das Licht der Erde“ vorbereitete, stellte er überrascht fest: „Da wurde mir dieses Wort wirklich neu, obwohl ich es doch von Jugend auf kannte.“ Wenn die Kirche das „arme Windlicht des Evangeliums“ nicht deutlich in die Öffentlichkeit trage, dann könne Gott sich auch andere Lichter suchen, sagt er in seiner Mischung aus Mut und kirchlicher Selbstkritik. Er fügt hinzu: Wenn im Reformationsjubiläum die nationalstolzen Deutschen Martin Luther als Ausnahmehelden feiern, dann steht aber unser Landsmann Luther - so wörtlich - „dem jüdischen Rabbi Jesus näher“ und gemeinsam mit dem „Juden Paulus“…zur Gerechtigkeit Gottes“. Dieser Jesus Christus schärfte Niemöllers Gewissen gegen Unrecht und Gewalt, Gleichgültigkeit und Ablehnung: Was würde Jesus dazu sagen? Angesichts der Schuld, der Kirche, des Volkes sowie seiner eigenen gegenüber vielen Menschen und Gruppen zeigte er sich bis in seine alten Tage lernfähig. Er war überzeugt: „In jedem menschlichen Angesicht schaut mich Gottes Angesicht an.“

Johann Amos Comenius oder die Aufgabe von Versöhnung und Gerechtigkeit. Comenius studierte an der Reformierten Hochschule in Herborn; er kam aus der heutigen tschechischen Partnerkirche der EKHN, der Böhmischen Brüderkirche. Zu ihr begannen wir (wie zu den im Sommer kurz herrschenden Reformsozialisten) in den 50er Jahren Brücken zu bauen. Comenius musste nach dem 30jährigen Krieg, in dem alle europäischen Potentaten ihre christliche Konfession als scharfe Munition benutzten, vor der Gegenreformation nach Holland ins Exil fliehen und um Asyl nachsuchen. Für die Reste seiner „sterbenden Mutter“, der fast ausgelöschten Böhmischen Brüderkirche, schrieb er an alle reformatorischen Schwesterkirchen. Beim lutherischen Zweig bedankte er sich für die Neuentdeckung der Gerechtigkeit Gottes. Comenius hatte die ökumenische Vision einer versöhnten Verschiedenheit, wie man heute sagt. Dann fügte er kritisch hinzu, mit der Rechtfertigungslehre (nur als Lehre) werde auch „schädlicher Mißbrauch“ getrieben, weil eine bloße Kenntnis Christi ohne Nachfolge Christi, sowie ohne Bewahrung des Gesetzes der Liebe das Evangelium mißbrauche. Mit dem „Gesetz Christi“, der Liebe, sei Versöhnung zu lernen und zu leben - nicht nur zwischen den Kirchen, sondern auch zwischen den Völkern. Und das sei als kleine, als Minderheitskirche, zu der unsere Kirche derzeit - ohne Verfolgung - schrumpft.

Weil man aus einer neuen Begegnung mit anderen Menschen und vor allem aus der Bibel Neues lernen kann, beschloss unsere Synode1991 eine zukunftweisende Grundartikeländerung. „Aus Blindheit und Schuld zur Umkehr gerufen, bezeugt die EKHN neu die bleibende Erwählung der Juden und Gottes Bund mit ihnen. Das Bekenntnis zu Jesus Christus schließt dieses Zeugnis ein.“

Ich danke allen, und nenne stellvertretend für viele, die vorbereitend, beratend und ausbreitend, daran mitwirkten, Bettina Kratz und Gerhard Wendland, damals in der Synode, Peter von der Osten-Sacken und Bertold Klappert, Nathan Peter Levinson und Albert H. Friedlander. Nicht zuletzt den Arbeitskreis „Kirche und Israel“, von Adolf Freudenberg über Ulrich Schwemer und Hans-Georg Vorndran bis zu Gabriele Zander und Andrea Thiemann.

Ich danke noch einmal für die ehrenvolle Medaille mit dem verpflichtenden Namen Martin Niemöller. Danke fürs Zuhören.

Dankesrede auf der EKHN Synode am 25. November 2916

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