Interner Kalender

Redaktion: Hans-Georg Vorndran

BlickPunkt.e Nr. 1 / Februar 2017

 

Marcel Serr
Ein historischer Moment
Renovierung in der Jerusalemer Grabeskirche

Das Heilige Land ist immer noch für ein Wunder gut. Im Mai 2016 begann die lange überfällige Renovierung der Ädikula -  des Grabheiligtums Jesu in der Jerusalemer Grabeskirche. Der 1810 errichtete Schrein gilt schon seit Jahrzehnten als einsturzgefährdet. Er hat eine bewegte Geschichte. Zwischenzeitlich gab es sogar Pläne zum Abriss der Grabeskirche.

Unter der mächtigen Kuppel der Grabeskirche ruht die Ädikula -  ein kleines Gebäude innerhalb der Kirche. Hier soll sich die in Fels geschlagene Grabstätte Jesu befunden haben. Zu dessen Lebzeiten Anfang des 1. Jh. nC befand sich das Gelände außerhalb der Stadtmauern Jerusalems. Es war lange als Steinbruch benutzt worden. Anschließend begannen die Jerusalemer, es als Friedhof zu verwenden. Das weiche Gestein eignete sich hervorragend zum Anlegen von Felsengräbern. Doch in den Jahren 41-44 nC wurde das Gelände durch den Bau einer neuen Mauer in den Stadtbereich Jerusalems miteinbezogen. Nach jüdischen Reinheitsvorstellungen mussten die Gräber damit leer geräumt werden. Im 2. Jh. nC rückte das Areal um die heutige Grabeskirche unter Kaiser Hadrian (117-138) ins Zentrum der Neugründung Jerusalems als römische Kolonie Aelia Capitolina. Über dem Grab Jesu entstand das zentrale Heiligtum der römischen Stadt. Die Grabstätte verschwand unter einer Plattform, auf der sich der Tempel erhob. Böse Zungen behaupten, Hadrian hätte den Tempel absichtlich über der wichtigen Erinnerungsstätte des noch jungen Christentums erbaut.

Dennoch erhielt die Jerusalemer Gemeinde die Erinnerung an den Ort am Leben. 200 Jahre später wendete sich mit Kaiser Konstantin d. Gr. (306-337) das Blatt für die Christen. Nach dem Konzil von Nicäa entschied der prochristliche Herrscher, in Jerusalem die Grabeskirche über dem „wahren Grab" zu errichten. Der Bischof von Jerusalem Makarios I. (312-335) wusste, wo er zu suchen hatte. Der Tempel Hadrians wurde abgetragen und darunter kam ein Grab zum Vorschein. Die konstantinischen Baumeister trugen das Felsengrab bis auf die eigentliche Grabkammer ab und umschlossen sie mit einem schmuckvollen Gebäude - der Ädikula. Diese wiederum wurde von einer prächtigen runden Säulenhalle mit einer Kuppel umgeben - der sogenannten Rotunde.

Die konstantinische Grabeskirche wurde allerdings im Jahr 1009 durch den Fatimiden-Kalifen al-Hakim zerstört. Dabei wurde nicht nur die Kirche erheblich in Mitleidenschaft gezogen, sondern auch das Felsengrab massiv zerstört. Erst unter der Herrschaft der Kreuzfahrer über Jerusalem (1099-1187) erlangte die Grabeskirche wieder neuen Glanz. Dabei wurde der grundsätzliche Aufbau der Ädikula innerhalb der Rotunde beibehalten.

Die kreuzfahrerzeitliche Grabeskirche fiel im Jahr i8o8 einem Brand zum Opfer. Da die europäischen Großmächte zu dieser Zeit in die Napoleonischen Kriege verwickelt waren, konnten die Griechisch-Orthodoxen die Renovierungsarbeiten dominieren. Ein Großteil der aufwendig gearbeiteten Steinmetzarbeiten aus dem 12. Jh. ging verloren. Im Rahmen dieser Renovierungsarbeiten entstand die heute noch sichtbare Ädikula im türkischen Rokokostil.

1927 erschütterte ein schweres Erdbeben Jerusalem; die Grabeskirche wurde ernsthaft beschädigt. Da sich die Hausherren nicht auf Renovierungsmaßnahmen einigen konnten, reagierte Großbritannien, das zwischen 1920 und 1948 als Mandatsmacht über Palästina herrschte, und ließ die Ädikula 1947 eigenmächtig durch eiserne Stützpfeiler verstärken. Dieser seltsame Käfig umgibt das Grab bis heute - doch das soll sich mit der Renovierung nun ändern.

Die Renovierungsarbeiten
Nach jahrelanger Untätigkeit konnten sich die christlichen Konfessionen nun auf einen Restaurierungsplan einigen. Natürlich ging das nicht ohne Nachdruck seitens Israel vonstatten: Aufgrund der akuten Einsturzgefahr machte die Polizei am 17. Februar 2015 ernst und sperrte das Heilige Grab für einige Stunden. Die christlichen Hausherren waren außer sich. Dennoch hat diese Maßnahme den Anstoß gegeben, dass sich die Verhandlungen zwischen Katholiken, Griechisch-Orthodoxen und Armeniern intensivierten und schließlich eine Vereinbarung unterzeichnete wurde. „Wenn die israelische Regierung nicht eingegriffen hätte, hätte niemand etwas getan", gibt Samuel Aghoyan, der Repräsentant des armenischen Patriarchen in der Grabeskirche, zu.

Die Kosten sind auf über 3 Mio. US-Dollar veranschlagt. Eine Million steuert der jordanische König Abdullah II. bei, der sich als Hüter der religiösen Stätten in Jerusalem versteht. 1,3 Mio. US-Dollar stiftete Mica Ertegun, die Witwe des Atlantic Records Mitgründers Ahmet Ertegun. Eine griechische Bank bezuschusste die Arbeiten mit 50.000 Euro und wird als Sponsor auf dem Gerüst in der Kirche für sich Werbung machen. Die restlichen Kosten teilen sich die Armenier, Katholiken und Griechen.

Die Restauration wird von Spezialisten der Technischen Universität von Athen unter der Leitung von Antonia Moropoulou durchgeführt. Zunächst hat das griechische Team das Gebäude von Ker zenruß befreit. Dazu wurde die externe Marmorverkleidung entfernt, gereinigt und danach wieder angebracht. Vermutlich werden auch Bodenplatten angehoben, um den unter dem Grab liegenden Felsbereich zu analysieren. Später soll die Struktur mit Titanbolzen und modernem Mörtel stabilisiert werden. Das Team, das bereits an der Akropolis in Athen gearbeitet hat, setzt auf modernste Hilfsmittel. Mit Drohnen werden Luftbilder gemacht, Bodenradar soll die Schwachstellen in der Gebäudestruktur offenbaren. Gearbeitet wird hauptsächlich in der Nacht, um den Zugang der Pilger zum Grab nicht zu stören. Nach Aussagen des griechischen Patriarchats soll das Grab die gesamte Zeit über zugänglich bleiben.

Streit der Konfessionen
Die jahrelange Verzögerung um die Renovierung des Schreins geht auf die verbitterten Konflikte zwischen den christlichen Konfessionen zurück, die nirgendwo deutlicher zutage treten als in der Grabeskirche. Jede christliche Gemeinschaft möchte so nah wie möglich an das Heilige Grab und den Golgotafelsen und dort so viel wie möglich beten. Das birgt hohes Konfliktpotenzial. Die peinlichen Faustkämpfe zwischen griechisch-orthodoxen und armenischen Geistlichen im Jahr 2008, unmittelbar neben dem Heiligen Grab, sind dank einschlägiger Videoaufnahmen auf YouTube noch in lebendiger Erinnerung.

Schon die Osmanen, die Jerusalem zwischen 1517 und 1917 kontrollierten, bemühten sich um die Befriedung der innerchristlichen Streitigkeiten. Daher erließ der Sultan 1852 den sogenannten Status quo, in dem die Besitzrechte und die Nutzungszeiten der Grabeskirche zwischen den einzelnen Konfessionen verteilt und festgeschrieben wurden. Penibel ist seither geregelt, wer wann und wo Gottesdienste halten darf. Darüber hinaus ist geregelt, dass die großen Drei Griechisch-Orthodoxe, Armenier und Katholiken - die Grabeskirche als gesamtes Gebäude besitzen. Die Kopten, Äthiopier und syrischen Christen haben lediglich Nutzungsrechte für einzelne Kapellen. Das Beharren auf den eigenen Rechten ist immer dann besonders bedenklich, wenn es um Maßnahmen geht, die die Grabeskirche als Ganzes betreffen - wie eben Renovierungsarbeiten. Hinzu kommen islamische Rechtsvorstellungen, die in der Grabeskirche Anwendung finden: Demnach zieht das finanzielle Investment in ein Gebäude Eigentumsansprüche nach sich. Außerdem leiten sich vom Besitz eines Daches Besitzansprüche auf das Darunterliegende ab. Auch solche Regelungen wirken alles andere als kooperationsfördernd. Angesichts dessen ist die Einigung für Restaurierungsarbeiten der Ädikula umso bemerkenswerter.

Ein Blick in die Geschichte der Renovierung
Im 20. Jh. kam es schon einmal zu einer größeren Renovierung der Grabeskirche. Nach dem schweren Erdbeben 1927 war die britische Mandatsregierung ernsthaft um die Stabilität des Gebäudes besorgt. Die christlichen Konfessionen in der Grabeskirche bewiesen allerdings Gottvertrauen und blieben vorerst untätig - mit Ausnahme der Katholiken, die Großes im Sinn hatten.

Die Lateiner luden den italienischen Architekten Antonio Barluzzi ein, der schon die Franziskanerkirchen auf dem Berg Tabor, dem Berg der Seligpreisungen und in Getsemane gestaltet hatte, um die Möglichkeit eines monumentalen Neubaus der einsturzgefährdeten Grabeskirche zu erörtern. Barluzzi machte sich mit seinem Kollegen Luigi Marangoni Anfang 1940 ans Werk. Ein Jahr später legten die beiden Italiener Erzbischof Gustavo Testa ihre Entwürfe vor. Dieser zeigte sich zufrieden und so wurden Modelle angefertigt, um die Ideen besser vermitteln zu können. Die Italiener planten, die gegenwärtige Kirche und das umliegende Gelände inmitten der Jerusalemer Altstadt großflächig abzureißen, denn das neue Gotteshaus sollte von einem würdigen 7 ha großen Platz umgeben sein. Eine zo m breite Prachtstraße würde den Zugang vom Jaffator gewähren. Die vorgeschlagene Kirche war ebenfalls gigantisch: 200 m lang und über 150 m breit sollte das neue Gebäude sein. Zwei Glockentürme im Westen und zwei weitere im Osten würden die markanten Endpunkte der Kirche bilden. Jeder Turm sollte 96 m hoch sein - doppelt so hoch wie der höchste Turm der Altstadt, nämlich der der protestantischen Erlöserkirche.

Dieser, um es vorsichtig zu formulieren, mutige Entwurf hatte geringe Chancen, von den Armeniern und Griechen wohlwollend aufgenommen zu werden. Zumal diese 1949 durch einen Bericht in der New York Times von dem Vorhaben der Katholiken erfuhren. Immerhin scheint der katholische Vorschlag neue Bewegung in die Verhandlungen gebracht zu haben. Vor allem, da die Instabilität des Gebäudes offen zutage trat: Risse waren deutlich zu sehen und vergrößerten sich täglich. Der Dominikaner Jerome Murphy-O'Connor von der Acole Biblique in Jerusalem vermutete, dass es wohl die blanke Angst war, unter der einstürzenden Grabeskirche begraben zu werden, die die Konfessionen schließlich von der Kompromissbereitschaft überzeugte. 1955 begannen die Armenier, Griechen und Katholiken, in einen Dialog zu treten. Tatsächlich einigte man sich nach vier Jahren auf einen Plan, um das Gebäude zu stabilisieren. Die Arbeiten begannen 1960 - 33 Jahre nach dem Erdbeben. Das Grundprinzip war, möglichst viel des Gebäudes zu erhalten, um die historischen Elemente zu bewahren und um die traditionellen Rechte der Konfessionen nicht zu verletzen. Aufgrund der besonderen Sensibilität wurde die Ädikula von den Arbeiten jedoch ausgenommen. Die Restaurierungsarbeiten dauerten bis Anfang 1997. Wegen Streitigkeiten zwischen den Konfessionen gab es jahrelange Unterbrechungen. Allein die Frage der Gestaltung der Kuppel über dem Grab dauerte Jahrzehnte.

Die lokalen Architekten erwiesen sich als großer Glücksfall für die historische und archäologische Forschung, denn sie einte der Wille, so viel wie möglich über die architektonische Entwicklung der Grabeskirche zu erfahren. Ihnen war bewusst, dass sie die äußerst seltene Möglichkeit hatten, jeden Stein in der Grabeskirche umzudrehen und zu untersuchen. So fanden sie gelegentlich auch Ausflüchte, um an historisch interessanten Punkten der Kirche Untersuchungen und Tiefschnitte durchzuführen, die rein archäologische Zwecke hatten. Bei den Arbeiten wurden so viele archäologische Daten angehäuft, dass 1963 schließlich der bekannte Franziskaner Pater Virgilio Corbo zum offiziellen Archäologen des Projekts ernannt wurde. Corbos Arbeiten entschlüsselten zum ersten Mal einen Großteil der Grabeskirche.

Auch bei den jetzigen Renovierungsarbeiten hoffen die Archäologen auf neue Erkenntnisse. Seit dem Bau der Ädikula 1808/09 wurden die Geheimnisse, die sich möglicherweise unter den Marmorverkleidungen verbergen, nicht mehr untersucht. Allerdings ist unklar, inwieweit diese Chance zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen auch tatsächlich ergriffen wird. Zu sehr wiegt das Misstrauen zwischen den involvierten Akteuren. Man sollte es eben nicht übertreiben mit den Wundern.

Marcel Serr M.A. ist Historiker und Politikwissenschaftler. Er arbeitet seit April 2014 als wissenschaftlicher Assistent am DEI in Jerusalem.

aus: Welt und Umwelt der Bibel 4/2016: „Kulturerbe Psalmen – Gebete der Menschheit“ (S. 68-70), Katholisches Bibelwerk e.V.

www.weltundumweltderbibel.de

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